Samstag, 8. Juli 2006

Front 242: Never Stop!

coder-751981 ist kein ruhiges Jahr. Gut, der FC Bayern wird mal wieder deutscher Meister – soweit nichts Besonderes. Doch die Zeiten sind rauh. Quer durch das geteilte Deutschland verläuft ein Todesstreifen, der mit Selbstschussanlagen bestückt ist und bis zur Demontage über 900 Todesopfer fordert. In Spanien scheitert ein Putschversuch des Militärs. In Polen wird das Kriegsrecht verhängt. Um die Schauspielerin Jodie Foster zu beeindrucken, schießt ein Geisteskranker auf einen ehemaligen Schauspieler, der gerade Präsident der USA geworden ist. Ronald Reagan übersteht das Attentat schwer verletzt. Auch Papst Johannes Paul II überlebt einen Anschlag durch den türkischen Rechtsradikalen Ali Agca nur knapp. Im Kalten Krieg stehen sich die Atomwaffenarsenale von NATO und Warschauer Pakt auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs drohend gegenüber.

Der Musik-Frühling beginnt dagegen vielversprechend mit dem Nummer 1 Hit „Fade to grey“ der New Romantic-Formation Visage. Kraftwerk veröffentlichen ihr Erfolgsalbum „Computerwelt“ und DAF erregen Aufsehen mit „Der Mussolini“. Dass die Zeichen für Synthesizermusik günstig stehen, kann jedoch nicht den Super-GAU in Gestalt der Single „Dance little bird“ von Electronica’s verhindern, die in Deutschland als ‚Ententanz’ bekannt wird.

Ob es nun wirklich der Ententanz ist, der Daniel Bressanutti zur Gründung von Front 242 treibt, ist nicht überliefert. Sicher ist jedoch, dass mit der Single „Principles / Body To Body“ vor 25 Jahren die Geschichte einer der einflussreichsten Bands beginnt, die die elektronische Musiklandschaft kennt. Feste Mitglieder werden neben dem Roland System 100 und der TR 808 bald Patrick Codenys, Jean-Luc de Meyer und Richard „23“ Jonckheere, die sich daran machen, von Brüssel aus die Grenzen der Musikwelt zu verschieben. Gemeinsam kreieren sie einen knüppelharten Maschinen-Sound, den die Welt noch nicht gehört hat und der sie zu den Erfindern der Electronic Body Music macht. In den folgenden Jahren beeinflussen sie Generationen von Musikern, verkaufen Millionen Tonträger und befördern nebenbei auch die Karrieren von Bands wie Underworld, The Prodigy oder eines gewissen Moby, der ihre 93er-Tour als Support-Act begleiten darf.

2006 können die ‚fantastischen Vier’ auf eine beispiellose Karriere zurückblicken und feiern ihr 25jähriges Bandjubiläum mit einem Doppelkonzert. Mit dabei sind befreundete Acts wie David Carretta, Travailleur En Trance und The Hacker. Und natürlich die Fans, die bereits Monate im voraus das Kartenkontingent des Ancienne Belgique in Brüssel für beide Abende restlos aufgekauft haben. Das Wochenende wird für die Anhänger zu einem magischen Ereignis, das neben den großen Hits noch einmal frühe Klassiker wie „Take One“ und „Operating Tracks“ auf die Bühne bringt. 242 wären natürlich nicht 242, wenn sie das gesamte Material nicht Stück für Stück umgearbeitet und auf den neusten Stand gebracht hätten. Und wer geglaubt haben mag, dass eine Band nach 25 Jahren müde sein müsse, wird spätestens an diesem Abend widerlegt, als Frontmann Jean-Luc de Meyer und der charismatische Richard 23 das Publikum in Ekstase peitschen und dieses den Konzertsaal mit „Always ahead“-Rufen erbeben lässt.

Richard berichtet begeistert: Es war einfach unglaublich. Der Sound war perfekt. Die Crew, die anderen Acts – alle haben das Maximum gegeben. Am meisten beeindruckt haben mich natürlich die Fans. Die Leute sind von überall her angereist – aus Deutschland, Spanien, Schweden, sogar aus den USA. Und natürlich die Leute aus Brüssel. Es gibt keine Worte, die beschreiben könnten, wie es ist, in unserer Heimatstadt zu spielen. Beim Fußball sagt man, dass das Publikum der zwölfte Mann ist. Hier kann man definitiv sagen, die Fans sind das fünfte Mitglied von Front 242. Der einzige Wermutstropfen war, dass man natürlich an seinem ‚Geburtstag’ sehr beschäftigt ist. Dadurch habe ich leider David Carretta verpasst, den ich selbst gerne sehen wollte.

RL: Wird es eine Live-CD des Wochenendes geben?

R23: Nach derzeitigem Stand nicht. Wir haben bereits eine Menge Livematerial veröffentlicht, zuletzt die DVD „Catch the men“. Ich denke auch, dieses Wochenende war etwas ganz Spezielles für die Leute, die dort waren - und so sollte es auch bleiben. Unsere Auftritte im Sommer werden aber auf den neuen Versionen basieren, die man in Brüssel hören konnte.

RL: Während des Konzerts hast Du ein Kind aus dem Publikum hochgehalten und gerufen: „Das ist die Zukunft von Front 242“.

R23: Vor dem Auftritt hatten uns die Sicherheitsleute gefragt, ob wir Barrieren vor der Bühne haben möchten. Wir wollten aber die Leute möglichst dicht bei uns haben. Plötzlich sah ich einen Jungen von vielleicht 6 Jahren im 242-Shirt, der sich auf die rechte Seite der Bühne geschlichen hatte. Ich wollte ihm eigentlich nur die Hand schütteln – da schaute er zu seinem Vater, was er machen solle. Der schickte ihn zu mir und so habe ich ihn auf den Arm genommen. Ein zukünftiger Fan.

RL: Wird er denn die Gelegenheit haben, nach „Pulse“ (2003) nochmal ein neues Album von Front 242 zu kaufen?

R23: Ehrlich gesagt kann ich das nicht beantworten. Vor 25 Jahren fingen wir an und wollten einfach nur Musik auf eine neue Art und Weise machen, wollten sehen, ob jemand unsere erste Single kaufen würde. Dann kam eine weitere, das erste Album und so weiter. Und jetzt – 25 Jahre später – sind wir immer noch hier. Jedes Jahr denken wir, es könnte das letzte sein, aber bisher ging es immer weiter. Aber der Druck liegt inzwischen hinter uns. Der Druck, eine neue Platte machen zu müssen, danach Promotion, eine Tour und das Ganze wieder von vorne. Seit einigen Jahren gehen wir die Sache sehr entspannt an. Im Moment wollen wir einfach mal zurückblicken und feiern. Es gibt kein neues Material und derzeit auch keine Pläne für eine neue Platte. Jeder arbeitet für sich an persönlichen Projekten. Aber mal sehen, was in einem halben Jahr ist. Vielleicht kommt dann die Initialzündung für ein neues Album – so war es bei Pulse.

RL: Brüssel hat eine sehr eigene Atmosphäre – in wieweit hat das Euren Sound beeinflusst.

R23: Unsere Musik wäre nicht dieselbe, wären wir in einer anderen Stadt geboren. Da ist zunächst das Medienumfeld, das von so vielen Kulturen beeinflusst wird – nicht zuletzt durch all die Leute aus ganz Europa. Belgien hatte als erstes Land Zugang zum Kabelnetz, wodurch wir Sender von überall her empfangen konnten. Heute gibt es das natürlich überall, aber zur damaligen Zeit war die Situation in Brüssel eine besondere. Man sieht es auch am Stadtbild – es gibt deutsche, französische, holländische, spanische Elemente. All das hatte großen Einfluss auf uns.

RL: Als Ihr begonnen habt, war die Wirkung Eurer Musik überwältigend. Solch einen Sound hatte man noch nie gehört. Nicht wenige waren schockiert. Ist so etwas heute überhaupt noch möglich?

R23: Wir wollten die Leute nicht provozieren, nur um sie zu schockieren. Wir wollten eine Reaktion hervorrufen – die Art verändern, wie die Leute Musik hören. Wir wollten weg von den Normen der anglo-amerikanischen Popkultur und einen europäischen Sound kreieren. Seitdem ist so vieles ausprobiert worden, die Grenzen wurden neu abgesteckt. Bestimmt kann man auch heute noch die Leute in Erstaunen versetzen, aber man muss es auf eine andere Art tun.

RL: War es damals leichter oder schwerer, als Künstler Aufmerksamkeit für neuartige Musik zu bekommen?

R23: Das ist etwas paradox. Es gab ja keine Infrastruktur – kein Internet, keine großen Magazine, die über elektronische Musik berichtet hätten. Es gab buchstäblich nichts. Andererseits gab es auch nicht so viele Bands. Früher hattest du 20 Bands und es war verdammt schwierig, irgend etwas über sie zu erfahren oder ihre Platten zu bekommen. Heute hast Du alle Möglichkeiten – aber da stehen 2000 Bands, die sich um Aufmerksamkeit bemühen.

RL: Ihr hattet Künstler wie Carretta und The Hacker eingeladen – führen diese mit einer Art Neo-EBM Eure Ideen weiter?

R23: Es ist eine neue Generation von Musikern. Ich mag zum Beispiel sehr, was David macht – sehr straighte Sachen, ohne Konzessionen. Ich bin allerdings kein großer Fan dessen, was sich heute missverständlicherweise oft selbst als EBM bezeichnet. Dort fehlen all die Dinge, an denen wir interessiert sind – Klangforschung, Atmosphäre, Produktion, Technologie. Es ist oft einfach nur 4-to-the-floor. Manche Leute haben auch heute noch die Vorstellung, bei Front 242 ginge es nur um eine Bass Drum und eine Bass Line – und das ist völlig falsch. Ich liebe Musik – und sehr viele verschiedene Arten von Musik.

Die Einflüsse von Front 242 reichen bis in die Gegenwart. Und wenn Miss Kittin auf ihrem brandneuen Mix-Album den Track „First in first out“ aus dem Jahr 1988 verwendet, ist dies für die Band ein ganz normaler Vorgang – schließlich sind Patrick und Richard selbst als innovatives DJ-Team CodeR23 aktiv. Es zeigt jedoch, wie aktuell und relevant die Musik von Front 242 noch nach Jahren ist.

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