Sonntag, 22. Oktober 2006

WJ Henze: Es wird immer weitergeh'n

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Statistisch gesehen hat jeder Deutsche eine Platte von Jörg Henze im Regal stehen. Ungefähr jedenfalls. Es gibt nicht wenige die glauben, dass im Keller des Frankfurter Tausendsassas eine Armee von Techno-Wichteln ununterbrochen damit beschäftigt ist, neue Platten unter diversen Pseudonymen zu produzieren und an verschiedene Labels zu verteilen. Der Gedanke erscheint angesichts der nicht abreißenden Output-Flut gar nicht so abwegig. Und doch trägt jede einzelne Veröffentlichung die unverkennbare Henze-Handschrift. Wie viele Scheiben er inzwischen seit 1991 veröffentlicht hat, weiß er nicht mehr so genau. Darauf angesprochen rückt sein Blick in die Ferne, er streicht sich über’s Kinn, und irgendwann macht sich ein Grinsen über das ganze Gesicht breit, das ein ratloses Schulterzucken charmant begleitet. Nicht so wichtig. Auf vergangenen Lorbeeren ausruhen ist ohnehin nicht sein Ding. Lieber sucht er derweil nach neuen Betätigungsfeldern. WJ Henze ist ein Arbeitswütiger. Seine Aktivitäten als Musiker, DJ, Remixer, Label-Betreiber und Produzent sind so vielfältig wie sein Backkatalog. Da kann man bei all der Aktivität schon mal beinahe vergessen, dass er Institutionen wie die Delirium-Kette und den nicht wegzudenkenden Vertrieb Neuton mitgegründet hat. Ende der 80er Jahre veranstaltete er auch Frankfurts erste Acid-Party – mit sage und schreibe zwei Platten.

Unüberschaubares Backprogramm hin oder her: Sicher ist, dass er Zenit das Material für sein neues Artist-Album "Ash And Diamonds" anvertraut hat. Kenner seiner Labels wie Federation Of Drums oder Delirium Red wird es kaum überraschen, dass Henze weiter auf funktionalen Peaktime-Techno setzt. Musik für die Clubs. Musik für die Feierwütigen. "Ash And Diamonds" ist daher fest in diesem Kontext verankert.

"Ich wollte ein Album machen, was eindeutig für den Club gedacht ist", sagt Henze. "Die Zusammenstellung hat einen gewissen Flow zum Ziel. Ich möchte mit der Stimmung spielen, sie hoch halten, sich dann etwas setzen lassen und wieder Gas geben. Das ist das Konzept. Ein Clubabend im Zeitraffer. Ich fände es prima, wenn sich die Leute das anhören, während sie sich zum Ausgehen fertig machen."

Der sympathische Frankfurter lebt mit jeder Faser für den Club. Hier ist er zu Hause. Immer noch, nach all den Jahren; das spürt man. Das ständige Gerede von einer Krise empfindet er dagegen als nervtötend.

"Die Zeit steht nun mal nicht still. Es gibt eine Entwicklung und daran hat jeder seinen Anteil. Wenn auf der Loveparade Gotthilf Fischer auftritt, braucht man sich nicht zu fragen, ob es eine Krise gibt oder nicht. Wenn bei Musik das Geld ins Spiel kommt, verändert sich einfach etwas. Die Partys mussten plötzlich immer größer sein, am besten 80 DJs in fünf Stunden. Irgendwann gibt es einen Overkill von Partys und Leuten, die sich zu wichtig nehmen. Aber es wird auch immer Leute geben, die einfach Bock auf die Musik haben. Klar ist es geil, auf Festivals vor 10.000 Leuten zu spielen - aber jedes Wochenende wird das langweilig. Es ist auch geil, vor 300 Leuten zu spielen – aber nicht in einer Location für 10.000. Viele DJs sind wieder auf der Suche nach intimen Momenten. Du schwitzt mit den Leuten gemeinsam, du bist hautnah an der Stimmung. Es macht mir Spaß, wenn man mit dem Publikum zusammen etwas erleben kann."

Jörg Henze ist ein positiv eingestellter Mensch und ein Pragmatiker. Auch den ‚Generationenkonflikt’, den viele wahrnehmen, sieht er daher gelassen: "Jeder sagt, es ginge angeblich nichts mehr. Aber wenn du '91 bis '95 alles mitgenommen hast, ist es einfach schwer, etwas zu finden, was man noch nicht erlebt hat. Wir nehmen es vielleicht erstmals bewusst wahr, aber auch damals gab es schon Leute, die festgestellt haben, dass es nicht mehr ihr Ding ist. Viele der alten Hasen finden das jetzt scheiße und jammern. Das ganze Gejammer geht mir echt auf den Nerv. Eine neue Generation rückt nach, das muss man einfach akzeptieren."

Ebenso pragmatisch geht Henze mit aktuell hitzig diskutierten Themen wie Auflege-Medien oder Musikstilen um. Er weiß genau, was für ihn am besten ist, verfährt jedoch nach dem Motto "leben und leben lassen". Er vertritt seinen Standpunkt, ist aber stets für andere Ansichten offen. Er selbst bevorzugt beim Auflegen immer noch Vinyl. CD-Umsteigern oder Final Scratch kann er jedoch ebenfalls positive Aspekte abgewinnen. Den Schritt, Computer-Musik auch aus dem Computer anzubieten, findet er dabei nur konsequent. Dafür spricht auch die größere Auswahl an Titeln, die man mitführen kann. "Vielleicht fehlt aber noch die Akzeptanz beim Publikum", wendet er ein. Die Stimmung darf nicht leiden. Letztlich kommt es aber nur darauf an, wie man es rüberbringt". Spricht’s und verfolgt seine ganz eigene Linie. Dies gilt auch für den beliebten Streitpunkt ‚Härte und bpm-Zahl’, ein Thema, das immer für Zündstoff zwischen "Spiel mal schneller"-Forderern und entnervten DJs sorgt.

"Viele glauben, Härte wäre von der Geschwindigkeit abhängig, aber das ist Unsinn. Ein Track kann auch mit 120 bpm hart sein, das sieht man ja an Sachen wie KMFDM. Manche meinen aber, sie müssten damit zeigen, was sie auf dem Kasten haben. Ich habe nichts gegen harte Musik wenn sie gut gemacht ist. Für mich ist Schranz aber irgendwie deutsche Marschmusik auf 140 bpm. Es ist berechenbar. Du weißt genau was passiert und wann der Break kommt. Ich mache auch gerne harte Musik, aber der Arsch muss wackeln. Die Musik braucht Seele, egal wie schnell, egal wie hart. Wenn ein Stück Seele hat, bewegt man sich auch dazu."

Jörg Henze steht also noch voll im Clubleben. Dass er noch lange nicht genug hat, äußert sich in jeder Minute, in der er mit leuchtenden Augen von seinen Erlebnissen berichtet und von "Wir-Gefühl" und "unserer Musik" spricht. Er sucht Gemeinsamkeiten, statt den Konkurrenzkampf von Veranstaltern oder Städten untereinander zu befeuern. Er ist immer noch mit riesigem Spaß bei der Sache und hat daher auch nicht vor, sich in absehbarer Zeit auf’s Altenteil zurückzuziehen. Wie seine Zukunft aussieht, weiß der jetzt 36-Jährige noch nicht genau. In jedem Fall wird er sich aber im weiten Themenfeld "elektronische Musik" tummeln, wenn auch vielleicht nicht mehr auf unbegrenzte Zeit als DJ:

"Leute zu unterhalten hat kein Zeitlimit, aber es muss einen Sinn ergeben. Und das ist nicht der Fall, wenn ich mit 60 in der DJ-Kanzel stehe und habe lauter 16-jährige vor mir habe. Da ist mehr als eine Generation dazwischen. Und in unserer Bewegung ist einfach diese Identifikation mit dem DJ wichtig. Wenn da jemand steht, der älter ist als mein Vater, weiß ich nicht, ob ich das ernst nehmen kann. Ein Udo Jürgens steht wahrscheinlich noch mit 90 auf der Bühne. Aber der ist schließlich kein DJ."

Dass sich Zeiten ändern, darauf ist er eingestellt. Gestern Schranz, heute Minimal-Techno, morgen etwas Neues. Für Henze eine ganz natürliche Entwicklung, in der er seinen Platz stets findet. Würde WJ Henze Autos konstruieren, sie hätten wohl nur Vorwärtsgänge. Auf Bremsen und Rückwärtsgang müsste verzichtet werden. Stillstand ist ihm unbekannt. Wenn etwas eingefahren ist und sich ein Alltagstrott einstellt, wird es Zeit für einen neuen Ansatz, sonst ist Unzufriedenheit im Hause Henze programmiert. Neues auszuprobieren, sich selbst zu verbessern, das ist es, was Jörg Henze immer weiter antreibt. Gerade hat er sich entschlossen, sein Veröffentlichungs-Karussell auf Delirium Red etwas zu drosseln. Auch bei Federation Of Drums lässt ihn bereits die fortgeschrittene Zahl der Katalognummern nachdenken, ob es nicht Zeit für etwas Neues ist.

Gesagt, getan. Passend zum Album "Ash And Diamonds" hebt er einen neuen, gleichnamigen Imprint aus der Taufe, auf dem sogleich das nächste Gecko-Release das Licht der Welt erblickt. Auch als DJ ist an Stillstand nicht zu denken. Eine Südamerika-Tour im August – samt Referat beim Goethe-Institut in Mexiko - ist er mit genauso großem Eifer angegangen wie seinen letztjährigen Japan-Trip.

Wer derart in Bewegung ist, braucht einen Ausgleich, den Jörg Henze zu Hause sucht. All seine Geräte und Vinyls sind im Studio untergebracht. Daheim hat er weder Plattenspieler noch Fernseher. Und auch das CD-Regal erfüllt allenfalls dekorative Zwecke. Die Stereoanlage steht ausgestöpselt im Flur und wartet auf den Abtransport. Entspannung findet Jörg in der Küche, in der er leidenschaftlich gerne für Freunde kocht.

"Kochen ist das Schönste was es gibt, außer Musik machen", schwärmt er. "In der Küche stehen, einen Rotwein aufmachen, und wenn es fertig ist hat man keinen Hunger mehr, weil man alles vorher probiert hat. Super."
Sein Geheimtipp: "Das beste und einfachste Gericht, das es gibt, ist Huhn in Wermut-Sahne. Das ist total simpel und schmeckt, als hättest du ein Wochenende in der Küche gestanden. Da kann man nichts falsch machen."



Huhn in Wermut-Sahne
für 4 Personen

1 Poularde (1,5 Kg)
Salz, Pfeffer
1 El Paprikapulver
1 Knoblauchzehe
1 Bund Thymian
30g Butter
20 ml Wermut
1 Fleischtomate (350g)
15 ml Schlagsahne

Poularde waschen und trocknen. Zuerst Keulen sauber vom Rumpf schneiden. Dann mit einem scharfen Messer die Brust bis auf den Knochen durchschneiden. Brustknochen mit der Schere so vom Rücken schneiden, dass die Flügel dranbleiben. Fleisch salzen, pfeffern, mit Paprika und Knoblauch einreiben. Thymianblättchen von den Stielen zupfen, Stiele zusammenbinden. Butter im Bräter zerlassen. Fleisch darin anbraten. Thymianblättchen und –stiele zugeben (einige Blätter zurückbehalten). Wermut angießen. Bräter auf den Boden im vorgeheizten Backofen (225° C) setzten. Poularde 10 Min. schmoren. Inzwischen Tomate häuten, würfeln, zur Poularde geben. 30 Min. schmoren, ab und zu mit Bratfond beschöpfen. Temperatur auf 250° C hoch schalten. Sahne zugießen. Poularde weitere 10 Min. bräunen. Poularde im Bräter servieren. Vorher restliche Thymianblättchen unterrühren.

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